[...] Finsterer Humor prägt das von Stephan Thiel erarbeitete Stück, das gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und die Stadt Leipzig in Kooperation mit dem Theater Magdeburg und dem Theater unterm Dach in Prenzlauer Berg entstand. Merkwürdige Fragen gehen mir da durch den Kopf.
Ist die Industrie mit der Erfindung des Flachbildschirms vielleicht auch dem Ansinnen gefolgt, die Form dem Inhalt anzupassen? Oder: Welche Philosophie haben eigentlich Politiker, wenn sie sich vor die Aufgabe gestellt sehen, Künstler als Minderheit fördern zu müssen? Vincent jedenfalls bald bester Schüler der geheimen Akademie erfährt ausreichend von seinem Manager organisierte Enttäuschungen, um produktiv zu sein.
Gespielt wird Vincent von Nadja Petri. Sie versteht es ausgezeichnet, das ungewöhnliche Kind naiv darzustellen, aber keineswegs albern. Andreas Guglielmetti gibt den knallharten Manager, der an seine Altersvorsorge denkt, wenn er Utensilien des Heranwachsenden an sich nimmt und aufbewahrt. Voller Kraft spielt der Schauspieler diese fiese Rolle. Als Medientycoon und in weiteren Rollen sieht man Mathis Freygang. Während er als Kranker das Stück überzeugend beginnt, lässt ihn sich der Regisseur später in weiteren Rollen weitgehend zurücknehmen, um die Wirkung der anderen Figuren zu verstärken. So auch die von Gabriele Völsch gespielten Rollen. Die Schauspielerin muss in diesem Stück die größte Wandlungsfähigkeit beweisen und bringt das Publikum dabei zum Staunen.
Stephan Thiel setzt mit der Inszenierung das Wesentliche des Romans um. Dass der Inhalt die Verblödung durch das inhaltliche TV-Angebot keine Überraschung sein kann, ist jedem bewusst. Kein Problem ist auch, dass der Regisseur das Ende des Romans nicht haargenau ausarbeitet. Das über den Roman ins Visier genommene Niveau der so genannten Unterhaltung kann das Theater auch nicht ändern.
Wenigstens aber kann es spotten, was das Zeug hält.
Lucia Tirado, Neues Deutschland, 3.11.09


[...] Ein großer thematischer Ansatz, Raum für die zentralen Sinnfragen. Der Name des Helden scheint folgerichtig bei van Gogh entlehnt. Anfangs jedenfalls. Im turbulenten Fortgang indes schnürt sich das Drama zu einer Parabel auf Glanz und Elend des Pop-Geschäfts. Es geht um Stars und Sternchen an den Mationetten-Fäden der Unterhaltungsindustrie. [...]
Die faszinierendste Figur ist Harlan Eifler, zerissen zwischen hehrer Mission und allzu menschlichen Gefühlen, berauscht von der Macht über andere und doch selbst nur serviler Befehlsempfänger. Eine Paraderolle für Andreas Guglielmetti, den Leipzig vor Monaten an das Magdeburger Schauspiel verloren hat. Guglielmetti zieht alle Register seines Könnens, sein allgegenwärtiges Agieren macht das Geflecht der verschachtelten Handlungsstränge erst durchschaubar. Nebenher findet er noch Zeit für einen Abriss der Popgeschichte von der letzten (schlechten) U2-CD zurück zum Deltablues an den Muddy Waters des Mississippi.
Nadja Petri lässt das unschuldige Genie des jungen Vincent sehr glaubhaft erstehen. Mit großen Augen und vollen Händen holt der Held seine fantastischen Ideen aus der Hosentasche und streut sie achtlos um sich gleichzeitig sammelt er die Sympathiepunkte des Publikums ein. Gabriele Völsch verkörpert allein sechs der zwölf Rollen, die Spanne reicht von Vincents erster engelsreiner Backfischfreundin über die Popdiva Kristina bis zur Mutter des Genius, die gern lasziver Vamp wäre, aber doch nur alternde Schlampe ist: Höchstnoten für die Geschwindigkeit beim Wechsel von Kostümen und Mimik. Mathis Freygang schließlich gefällt vor allem in der Rolle des leicht wahnsinnigen Milliardärs, der hinter allem steckt.
Zusammen liefert das Quartett eine äußerst kurzweilige, spannende Inszenierung (Regie: Stephan Thiel) ab, modernes Theater ohne aufgesetzte Modernismen. Nicht mal das eigentlich unnötige Happy-End nehmen die Zuschauer übel: An Kristinas Seite schreitet Vincent, der den Spuk durchschaut hat, aus dem Sumpf heraus ins Licht, beide erstarren in cooler Plattencover-Pose. Die Organisation sucht das nächste Opfer.
Lars Schmidt, Leipziger Volkszeitung, 14./15.11.09